Einladung zur Gedenkstunde am 8. Mai 2024

„Es geht bei aller Geschichte immer um die Gegenwart“

Aufruf für den 8. Mai 2024

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

vor 79 Jahren, am 8. Mai 1945, wurde der 2. Weltkrieg beendet. Wir blicken Jahr für Jahr auf dieses Ereignis in der Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Jahrzehnte später, nachdem die Kriegsgeneration, die all dies erlebt hat, nicht mehr da ist und ein sogenannter historischer Abstand vorhanden ist, ändern sich z.T. auch Blickwinkel und Perspektiven.

Für unsere Gegend sind die Ereignisse des Jahres 1945 unmittelbar mit dem Vorrücken der Roten Armee und der nachfolgenden über mehr als vier Jahrzehnte andauernden Zeit der Besatzung verbunden. Wahr ist aber auch, dass die Hauptlast für den Sieg der Alliierten die damalige Sowjetunion trug. Kamenz blieb weitestgehend unzerstört. Dies hat nicht nur mit Glück zu tun, sondern wir haben dies dem Einsatz mutiger Kamenzer Bürger zu verdanken. Im Haupteingang des Rathauses wird in prägnanter Form an die Geschehnisse vor 79 Jahren erinnert.

Was war geschehen?

Verbände der Sowjetarmee und auch der polnischen Armee stießen in den Raum der Oberlausitz und damit auch nach Kamenz vor. Viele Städte, z. B. Breslau oder auch die Stadt Lauban, im heutigen Polen, wurden zur Festung erklärt. Von beiden Seiten aus wurde in vielen Fällen – Haus um Haus, Straße um Straße – erbittert gekämpft. Dabei wurde das Zentrum der Stadt Lauban nahezu vollständig zerstört. Noch Anfang der 90er Jahre prägte die freie Fläche das Bild dieser Stadt. All dies ist Kamenz erspart geblieben, weil es eine Handvoll mutiger Männer gab, die bereit waren mit dem Hissen der weißen Fahne, die Stadt kampflos an die Sieger zu übergeben.

Aus der eigenen Geschichte können wir lernen, dass es Mut braucht und die Einsicht, wann ein Kampf „sinnlos“ geworden ist. Jene Kamenzer haben im April 1945 für diese Einsicht ihr eigenes Leben riskiert. Wäre die Geschichte anders verlaufen, hätten sie, als „Verräter“ dafür mit dem Leben bezahlt.

Aktuell können wir uns die Frage stellen, was das heute es für den Krieg und die Auseinandersetzung in anderen Teilen der Welt für uns bedeutet. Wir bereiten uns auf unser großes Stadtjubiläum 800 Jahre Kamenz im kommenden Jahr vor. Uns allen, ist das Schicksal von Lauban, Mariupol und anderen Städten erspart geblieben.

Wir können nur die Frage stellen, warum Dinge geschehen. Dass sie geschehen sind, wissen wir. Wir haben an diesem Tag, dem 8. Mai, auch eine Möglichkeit, zurückzuschauen und uns mit dem Leid der Opfer des Krieges, mit den Grausamkeiten, die sich Menschen angetan haben, auseinander zu setzen. Und wir können auch erkennen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie von einer Verachtung auf andere, von Rassenhass und einer NS-Ideologie eingenommen sind.

Das Gedenken an das Kriegsende vor 79 Jahren eröffnet ebenso die Möglichkeit, sich die Frage zu stellen, wie würde ich mich fühlen, wenn ich nach einem Kriegsende aus meinem Land, von meinem Grundstück für immer vertrieben werde. Zu den Wahrheiten gehört auch die dann folgende Gewalt vermeintlicher Sieger.

Worüber können wir froh sein?

Die Antwort ist ganz einfach: Dass wir auf deutschem Boden seit 79 Jahren Frieden haben. Und wir können an diesem Tag auch dankbar sein, dass es in unserer Zeit immer wieder Menschen gibt, die, ungeachtet der ein oder anderen Diffamierung und unabhängig von einer scheinbar stärkeren Mehrheitsmeinung für Frieden, Versöhnung und für ein menschliches Miteinander eintreten.

Aus diesen Überlegungen und Gründen lade ich Sie ein – auch bei unterschiedlichen Bewertungen und Ansichten –, dass wir uns am Mittwoch, den 8. Mai 2024 um 10:00 Uhr zunächst am sowjetischen Grab- und Ehrenmal am Fuße des Hutberges treffen. Lassen Sie uns danach gemeinsam über den St. Just-Friedhof zu den Gedenksteinen für die gefallenen Deutsche des 2. Weltkrieges gehen und an der Gedenkstätte für die ermordeten Häftlinge im Herrental den Rundgang beenden. In diesem Sinne soll an alle Opfer des Krieges, auch von Flucht und Vertreibung erinnert werden.

 

Roland Dantz

Oberbürgermeister

der Lessingstadt Kamenz

 

 

 

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